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Rituale, Rituale,

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lasst ihr Leute, lasst sie sein.

"Wie sehr ich an meinem oft als öde empfundenen Leben mit Joseph noch hing, hab ich erst gemerkt, als es vorbei war", erinnert sich die 46-jährige Erzieherin Karin. "Mir wurde plötzlich klar, dass ich auf Hans gut verzichten konnte, aber nur sehr schwer auf unser Eheleben. Nicht auf unsere Wochenenden am Wörthersee, auf die frischen Fische, die wir abends mit den Nachbarn grillten. Nicht auf die Sonnenuntergänge von unserem Schlafzimmerbalkon aus. Nicht auf Mollie. Denn so nannte mich sonst keiner."

Dabei spielt es keine Rolle, ob die Trennung gewollt oder ungewollt war. "Meine Freunde haben es mir sehr übel genommen, dass ich sie vor vollendete Tatsachen gestellt habe", sagt Karin, "aber es ging nicht anders. Hans und ich hatten einen so engen Freundeskreis, wir machten so viel zusammen, die hätten mir die Scheidung mit Sicherheit ausreden wollen. Liebe, Leidenschaft, der ganz große Wahnsinn? Den hatte doch keiner von uns mehr auf dem Zettel."

Als es Karin deshalb so unerwartet wie heftig erwischte, mit einer Urlaubsbekanntschaft, lebte sie ihre Liebe ohne Vorwarnung an den Rest der Welt. Die reagierte mit Rückzug und Empörung. "Plötzlich stand ich allein da", sagt sie, "alle rieten mir ab. Es gab nur noch mich und ihn." Und kurz darauf nur noch sie - die neue Liebe zerbrach drei Monate nach ihrer Scheidung. Gern wäre sie jetzt in ihr altes Leben zurückgeschlüpft, zwar nicht unter die eheliche Bettdecke, aber in ihre alten Freundschaften und all die schönen, vertrauten Rituale.

Wie sehr sie die Rituale vermisste, spürte sie jeden Samstag, wenn sie auf dem Naschmarkt einkaufte. "Sushi, das war unser Wochenendauftakt." Nie wieder Sushi, dachte sie am Fischstand, und der Kummer überwältigte sie so sehr, dass sie anfing zu heulen. "Dieses blöde Sushi war emotional für mich so aufgeladen, dass ich monatelang darauf verzichtet habe", sagt sie, "ich habe den Markt gemieden wie die Pest."

Richtig so,

denn bei einer Trennung müssen die alten Rituale "entritualisiert" oder neue geschaffen werden. Wir sind Gewohnheitstiere, wenn wir uns von einem Partner lösen müssen oder wollen, dann flammt alles noch einmal auf, wir wollen dann genau das, was sich uns entzieht, wir sind süchtig nach dem Gewohnten und Vertrauten, obwohl wir wissen, dass es uns nicht gut tut. Es ist wie ein Suchtverhalten, mit dem Unterschied, dass die Droge, nach der wir süchtig sind, nicht zu der Belohnung führt, die wir erwarten.