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Scheidung: plötzlich ein neuer Alltag

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Viele Frauen fallen nach einer Scheidung in ein tiefes Loch: Sie vermissen nicht den Mann, sondern das Leben mit ihm. Die Rituale, die Freunde, den Alltag - nach der Trennung ist plötzlich alles anders.

Keine einzige Träne weinte die 38-jährige Dagi, als die Möbelpacker ihre Sachen aus der Wohnung räumten, in der sie die letzten elf Jahre als vermeintlich glücklich verheiratete Frau verbracht hatte. Völlig gefasst blieb sie auch, als sie die Scheidungsurkunde unterschrieb und danach in ihre kleine Singlewohnung einzog. Auf zu neuen Ufern, dachte sie fast euphorisch, als die letzte Kiste ausgepackt war.

Dagi hatte auf einer Scheidung bestanden, als sie die Tatsache nicht mehr verdrängen konnte, dass Thomas, ihr Ehemann, zwar nicht auf seine Ehe, aber auch nicht auf seine Geliebte verzichten wollte. 15 verzweifelte Monate hatte sie um ihn gekämpft, sich klein gemacht, noch kleiner - und sich dabei immer mehr verloren. Sogar das Baby hatte sie akzeptiert, das ihm, wie er sich ausdrückte, mit der anderen "leider passiert war".

"Ich war ein Nichts, ich war gar nicht mehr da", sagt sie heute. Auf dem absoluten Tiefpunkt, als sie betrunken im Bett lag, während Thomas zur Geburt seines Sohnes gerufen wurde, wusste sie, dass Schluss war. Es war sein erstes Kind, sie war nie schwanger geworden, und der Schmerz darüber war so gewaltig, dass er jede Entscheidungsschwäche verdrängte. "Meine Ehe fühlte sich zum Schluss wie eine Eiterbeule an", sagt Dagi, "die ich ausdrücken musste, damit sie mein Leben nicht mehr vergiften konnte."

Die Zeit danach

Und dann stand sie drei Monate nach der Scheidung an der Rezeption des Skihotels in der Schweiz, in dem sie mit Thomas und vier Freundespaaren immer Silvester gefeiert hatten, und der Besitzer fragte erstaunt: "Ein Einzelzimmer? Was ist passiert?" - "Wir haben uns getrennt", sagte Dagi und schaffte es, dass ihre Stimme natürlich klang. Was sie allerdings nicht schaffte: ihren Freunden vorzutäuschen, wie normal diese Situation doch sei. Jede Minute bis zu ihrer Rückreise fühlte sich wie ein Nadelstich an. Das Frühstück, allein unter Paaren. Die Doppelkopfrunde mit einem fremden vierten Mann. Selbst das Käsefondue zu Silvester, das sie sonst so liebte, schmeckte schal und freudlos. "Ich will Thomas nicht wieder zurück", wunderte sich Dagi, "warum tut es trotzdem so weh, dass wir getrennt sind?"

Warum ist es so?

Der Mensch ist ein Bindungswesen, das zwei Extremzustände kennt: sich verlieben und sich trennen. Jedes Mal werden alle unsere Gefühlsatome durcheinander gewirbelt und neu wieder zusammengesetzt. Aus eins wird zwei - und umgekehrt. Das kann Befreiung sein oder Amputation, Aufbruch oder Untergang.

Wer sich verliebt, verschmilzt mit dem Partner; wird aus Verliebtheit dann Liebe, entstehen Gemeinsamkeiten, Gewohnheiten, Rituale, Frotzeleien, Geschichten. Daraus weben wir ein dichtes Geflecht. Wer sich trennt, stellt oft fest, dass er die Trennung vom Partner leichter verschmerzt als die Trennung vom gemeinsamen Lehen. Zu erkennen, wie abhängig wir vom Gewohnten sind, wirkt wie ein Schock. Die Liehe ist vorbei; nicht aber das Netz, das sie gewoben hat. Denn jeder Mensch, der in unserem Leben eine gefühlsmäßige Bedeutung hat, hinterlässt ein Abbild in unserer Seele, das bleibt. Auch wenn die Person gegangen ist.

Bloß kein Sex mit dem Ex

Nichts kann deshalb schädlicher für die wunde Seele sein als das, was so gern als "Sex mit dem Ex" postuliert wird: die unüberlegte Dosis vom alten Leben, die man sich nimmt, aus Nostalgie, Sehnsucht oder weil man glaubt, man habe seine Gefühle längst im Griff. Hat man leider länger nicht, als man für möglich hält, denn das Herz ist, wie Woody Allen einmal feststellte, "ein äußerst hartnäckiger kleiner Muskel". Und unsere Brille taucht die Vergangenheit hartnäckig in Rosarot.

Als der Ex von Dagi eines Nachts vor ihrer Tür stand, weil die junge Russin ihn verlassen hatte, ließ sie ihn wieder in ihr Bett - und in ihr Herz. "Es fühlte sich zwar von Anfang an falsch an", sagt sie, "aber plötzlich war zumindest der Hass auf ihn weg, und ich konnte ihn später in Frieden gehen lassen." Oft erlangen Dinge erst im Verlust die Bedeutung, die sie zuvor nie hatten. "Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe", steht in einem Liebesgedicht von Erich Fried, "nicht nichts, aber weniger und weniger".

Oft sind es kleine, blöde Dinge wie die geteilte Zeitung, das Samstagsfrühstück oder wie die zweite Zahnbürste, die jetzt im Glas fehlt. Das Wissen "Nie wieder!" macht in diesem Stadium jede Erinnerung kostbar. Nie wieder Frühstück im Bett mit Krümelpiksen und Zeitunglesen! Nie wieder sein genervtes Gesicht, wenn seine Mutter ihm über die Haare streicht und "Das waren ja auch schon mal mehr" seufzt. Nie wieder lauwarmer Sex, aber auch nie wieder göttliche Fußmassagen. Die Vergangenheit wird generalverklärt in der Sekunde, in der wir sie verlassen.

Wer sich trennt, zerreißt das Netz, fühlt sich schutzlos, nackt, wie ein unbeschriebenes Blatt. "Ich wusste nicht mehr, wer ich war", erinnert sich Dagi, "weil wir uns trotz häufiger Streite auch ergänzt haben. Er kann gut kochen, ich esse gern. Ich bin kontaktfreudig, er ist ein Sozialmuffel. Ohne ihn muss ich all das wieder werden, was er mir abgenommen hat." Wer sich trennt, häutet sich, im Guten, im Anstrengenden. Ein neues Leben lockt, aber erst wenn die Wunden vernarbt sind.

Männer "docken" nach einer Trennung auch deshalb oft schneller wieder an, weil sie unfähiger sind, eigene soziale Netze zu knüpfen. Deshalb lebt der Ex lebt mit seiner Neuen sein altes Leben einfach weiter, gleicher Tennisclub, gleiches Hotel auf Korsika.

Wie kann er nur? Männer haben diesen vorwärts drängenden Pragmatismus, der bedingt ist durch ihre Ungeübtheit in seelischen Auseinandersetzungen. Sie leben eine neue Liebe, auch wenn die alte noch längst nicht verarbeitet ist. Das Fazit: Sie sind nie wirklich in der neuen Beziehung.


Doris Wolf: Wenn der Partner geht... Wege zur Bewältigung von Trennung und Schmerz. Pal Verlag. TB 12, 80 Euro.

Ein wirklich gutes Buch

Warten sie nicht darauf, dass die Zeit ihre Wunden heilt. Nehmen sie ihr Leben selbst in die Hand. Mit Hilfe dieses Buches werden sie die Phasen der Trennung und die vielen Stimmungslagen verstehen und können aufgeklärt damit umgehen.

Was ist anders?

Wenn Männer verlassen, gibt es zwei Varianten, die es Frauen schwer machen, den endgültigen Strich zu ziehen - sie bleiben entweder versorgend und zugewandt, versuchen den Spagat zwischen alter und neuer Liebe. "Ich glaube, in jedem Mann steckt ein mehr oder weniger gut unterdrückter Haremswunsch", glaubt Dagi, "am schönsten wäre es für sie, wenn sich die alte und die neue Frau gut verstehen, er stressfrei hin- und herpendeln kann."

Oder sie sind vernichtend und auslöschend, nach dem Motto: Ich mach mein Spielzeug lieber kaputt, bevor ein anderer damit spielen kann. "Joseph hat unseren Freundeskreis regelrecht gegen mich vergiftet", sagt Karin Linke, "lange blieb ich die Böse und litt. Dann rief ich alle an, die mir wichtig waren, und sagte: 'Ihr könnt uns doch beide in eurem Leben behalten. Ladet uns einfach so lange umschichtig ein, bis Gras über die Scheidung gewachsen ist.' Das hat so gut geklappt, dass wir jetzt wieder zusammen eingeladen werden, mit oder ohne neue Partner."