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Max Friedrich: Lebensereignisse Kind und Scheidung

Familienbild copyright Marie Hummel

Vergleicht man die soziodemographischen Daten der letzten zwanzig Jahre, so zeigt sich, dass die Anzahl der Scheidungen ständig zunimmt und der Durchschnittswert von 33,2 Prozent Anfang der 90er Jahre auf nunmehr über 50 Prozent aller in den letzten zehn Jahren geschlossenen Ehen gestiegen ist.

Die Scheidung ist zu einer Lösungsvariante geworden, die sich an geringerer Konfliktkultur, geringeren Prüfqualitäten vor dem Eintritt in eine Ehe und an einem Gewöhnungsstatus orientiert hat, der da lautet: „Es ist besser, einen raschen Schlussstrich unter eine misslungene Beziehungserwartung zu setzen, als in Unehrlichkeit nebeneinander zu leben.“

Wie auch immer Erwachsene in einer Partnerschaft zur Ehe oder deren Auflösung stehen, es bleibt in einer liberal-toleranten Gesellschaft deren individuelles und ureigenstes Problem. Wesentlich komplizierter wird die Situation für Eltern, die sich trennen wollen, und deren Kinder mit diesem Umstand zurechtkommen müssen. In vielen Fällen wirkt die Variante der Scheidung jedoch auf die Kinder befreiend; war schließlich das gemeinsame Zusammenleben oft überlagert von Unfrieden, Unruhe und häufig auch Gewalt.

Kinder ab dem dritten Lebensjahr spüren frühzeitig, wenn zwischen den Elternteilen Konflikte entstehen. Gerade Kinder im Vorschul- und frühen Schulalter nehmen den Streit der Eltern nicht nur sehr ernst, sie beziehen ihn auch oft auf sich selbst und finden, wenn man sie danach befragt hinreichend Begründungen dafür. Jedes Schlimmsein, jedes auffällige Verhalten und jede Leistungsschwäche wird vom Kind selbstbezogen als Auslöser bzw. Ursache des elterlichen Streites gedeutet. Häufig wird dieser Streit ja tatsächlich auf dem Rücken des Kindes ausgetragen, indem ein vermeintliches oder tatsächliches Versagen des Kindes dazu führt, dass ein Elternteil dem anderen Erziehungsunfähigkeit unterstellt.

Kinder haben sehr sensible Sensoren, um zu erkennen, wer eigentlich die Schuld trägt und geraten dadurch oft in einen Loyalitätskonflikt. Hat man in der Erziehung der Anfangsjahre die Wärme, die Herzlichkeit, die Liebe und die Fürsorge dem Kind gegenüber ins Zentrum gestellt, und hat das Kind gemeint, um seiner selbst willen geliebt zu werden und eine Beziehungsstruktur zu beiden Elternteilen aufgebaut, im Vertrauen gemocht und akzeptiert zu werden, so muss es nun erfahren, dass sich der Elternteil, dem es zum gegenwärtigen Zeitpunkt besonders zugetan ist, besonders abwehrend, ja ekelhaft verhält.

Kinder fühlen sich in auch dann in den Konflikt eingebunden, wenn die Eltern meinen, sie würden ihre Kinder schonend behandeln. Der Konflikt währt eine Zeit lang verdeckt, wird aber für das Kind immer offenkundiger, bis es sich in seiner Existenz bedroht fühlt, kennt es ja Erzählungen von Gleichaltrigen aus Kindergarten oder Schule, deren Eltern bereits geschieden sind.

Betrachten wir zunächst die Kinder nach ihrem Lebensalter und nachfolgend das Verhalten der Eltern.

0 bis 3 Jahre

Das Kleinkind bis zum dritten Lebensjahr wird den Streit der Eltern und die Konflikte nur am Rande atmosphärisch mitbekommen, die Tragweitenerfassung fehlt im Allgemeinen noch. Erfolgt die Scheidung in diesem Lebensalter, so wird, nach Ausschluss eindeutiger Kriterien der Erziehungsunfähigkeit, das Kind üblicherweise der Kindesmutter, auch beim Begriff „gemeinsame Obsorge“, in das „Heim erster Ordnung“ zugewiesen.

Ab dem 3. Lebensjahr

Ab dem dritten Lebensjahr beginnt das Kind, seiner Reifeentwicklung entsprechend, einige oder mehr Fragen zu stellen. Es kennt bereits die Ursachen des Streites und erlebt auch das Unglücklichsein eines Elternteiles intensiv mit. Erklärungen, dass Vater und Mutter das Kind weiterhin lieb hätten, sich untereinander aber nicht mehr verstünden und dass das ganz ähnlich sei wie der Streit mit einer Kindergartenfreundin oder einem Kindergartenfreund, beruhigen das Kind wenig und bedrohen es in seinem existenziellen Gefüge. Man fragt sich oft, ob Eltern in ihrem Egozentrismus, eine Beziehung beenden zu wollen, tatsächlich auch die Befähigung haben , die kindliche Seele zu erfassen, da das Kind gerade in seiner magisch-animistischen Phase Angst um Vater und Mutter hat, die Mutter allerdings besonders ängstlich zu behüten trachtet, da es fürchtet, sonst plötzlich „mutterseelenalleine“ auf der Welt zu sein.

Was bedeutet das für ein Kind? In erster Linie Angst. Angst davor unbeschützt zu sein, Angst vor dem Fremden, Angst vor dem Verlust gewohnter Gegebenheiten und schließlich Angst vor der Zukunft; stehen doch allerorts verbale Drohungen im Raum, die das Kind sehr wohl wahrnimmt. Es ist ein Irrtum zu meinen, dass Kinder so genannte Familiengeheimnisse nicht längst entdeckt haben, bisweilen kennen sie nicht deren genauen Inhalt, sie ahnen aber, dass irgend etwas existiert, das bewusst vor ihnen verschwiegen wird und das somit zu einer Bedrohung anwächst.

Ab dem Schulalter

Mit dem Erreichen des Volksschulalters und der damit verbundenen neuen Weltsicht durch das logisch-reale Denken beginnt für das Kind auch die reale Zukunftsangst, die damit verbunden ist, die Trennung von einer Bezugsperson vollziehen zu müssen, wobei diese Trennung von außen bestimmt wird. Das Kind muss Zeit- Und Aktivitätsmanipulationen ertragen, die ein Besuchselternteil vorgibt, häufig ohne Rücksichtnahme auf die Realbedürfnisse des Kindes, und es muss sich auf neue Personen - Erwachsene oder Kinder – einstellen, die durch eine neue Partnerschaft eines oder beider Elternteile ungefragt in sein Leben treten. Häufig werden bereits Halbgeschwister vorgestellt und dem Kind wird mehr oder weniger von heute auf morgen Geschwisterliebe abverlangt. Betrachtet man zusätzlich die sehr sensible Entwicklungsphase des so genannten ödipalen Konfliktes, erfährt die Trennung der Eltern eine zusätzliche Dramatik, da zum Zeitpunkt engster libidinöser Zuwendung zum gegengeschlechtlichen Elternteil, dieser verlustig gehen bzw. jener Elternteil, mit dem das Kind einen lebensaltertypischen Konflikt austragen möchte, nicht zur Verfügung steht.

Folgendes Beispiel soll dies erläutern:

Da ist ein sechsjähriger Knabe, der seine Mutter innig und über alles liebt. Er ist sich seiner Geschlechterrolle als Mann bewusst geworden und drückt seine Zuneigung für die Mutter mit dem Satz aus: „Wenn ich groß bin, dann heirate ich dich, Mami.“ In dieser Phase lebt er entwicklungspsychologisch gesehen in Konkurrenz zu seinem Vater. Er buhlt gleichsam um die Gunst der Mutter, bemüht sich, diesen Rivalitätskampf zu gewinnen, und zeigt in vielen kleinen Formen der Ablehnung dem Vater, dass dieser ihm im Wege steht. Die Mutter liebt ihren kleine Sohn, registriert aufmerksam seine Zuneigung und sieht mit einem verschmitzten Lächeln dem Konkurrenzkampf zu, weiß sie doch schließlich, dass das kindliche Bemühen nicht von jenem Erfolg gekrönt ist, den sich der Knabe in seiner Vorstellung ausmalt. Trennen sich nun in dieser entwicklungssensiblen Phase die Eltern, dann schlägt der kleine Mann den großen aus dem Feld und vermeint gesiegt zu haben. Welche Übermachtsphantasie macht sich bei dem Kind breit, wenn es den Konkurrenten ausgeschaltet hat und nunmehr glaubt, seiner Phantasie nachhängen zu können, in Hinkunft männliche Rivalitätskämpfe zu gewinnen. Welche Phantasien mag der junge Mann gegenüber der Mutter haben, die schließlich ihrem Sohn bewusst machen wird, dass er sich eines Tages eine eigene Partnerin wird suchen müssen. Der so genannte ödipale Konflikt wird also im Fall einer Scheidung anders verlaufen als in einer intakten Familie.

Und umgekehrt, was passiert mit einem sechsjährigen Mädchen, das in einer Scheidungsphase plötzlich den innigst geliebten Vater verliert? Welche Phantasien werden entstehen, da, kaum ist man in inniger Zuneigung verstrickt, einem dieser Partner abhanden kommt? Wie werden sich Tochter und Mutter in der Folge verstehen, wenn die Konkurrenz groß ist, das Verbleiben bei der Mutter aber angeordnet wird? Wie wird sich die Beziehung gestalten, wenn die Mutter in der Phantasie des Mädchens als „Vertreiberin“ des geliebten Vaters gesehen wird? Und wie werden die jeweiligen Konkurrenten bzw. Konkurrentinnen gesehen, die neuen Partner der Eltern, die nun die geliebte Person für sich gewonnen haben bzw. eine andere geliebte Person vertrieben haben?

Mit den Augen der Kinder

Diese Überlegungen können dazu angetan sein, dass Eltern nicht nur sich selbst als aktiv und passiv leidenden Teil in einer Scheidungsbeziehung sehen, sondern auch anfangen, die Welt des Kindes mit dessen Augen zu betrachten.

Mit fortschreitendem Schulalter beginnen die realistischen Phantasien der Kinder, die oft stark materialistisch gefärbten erscheinen mögen. Was ist alles zu holen, sowohl bei dem Elternteil, bei dem man im „Heim erster Ordnung“ lebt, als auch beim permanent um Grund und Zeit kämpfenden Besuchselternteil?

Der Wunsch des Experten

Seit Jahren wünsche ich mir, dass automatisch mit dem Scheidungsverfahren auch das entsprechende Obsorgeverfahren kombiniert wird. Was zum Zeitpunkt der Scheidung unter dem Motto „Wegen der Kinder werden wir keinen Richter brauchen, die Kinder sollen jederzeit zu jedem Elternteil Zugang haben“ geregelt wurde, sieht bereits ein Jahr nach der Scheidung ganz anders aus. Nun spielen andere Interessen wie neue Partnerschaften eine Rolle. Indem man dem ehemaligen Partner das Leben schwer macht, wird das eigene Kind, für das man vormals meinte, keinen Richter zu brauchen, tief in seiner Seele geschädigt und verunsichert.

Das Kind hat selbstverständlich ein Recht auf beide Elternteile. Dies ist unbestritten, wobei alle Beteiligten bemüht sein sollten, eine gewisse Äquidistanz zum Scheidungsverfahren und zum geschiedenen Partner aufrechtzuerhalten. Nicht das Kind war der Scheidungsgrund, sondern die mangelhafte Konfliktkultur der Erwachsenen hat zum Ende der Ehe geführt. Nicht das Kind trägt die Schuld daran, dass die Erwachsenen kein Einigungsverfahren zu Stande gebracht haben, sondern vielmehr haben die Eltern Verletzungen gesetzt und Schmerzen, die sie einander zugefügt haben, nicht verkraftet. Das Kind hat ein Anrecht, von Anfang an klare und eindeutige Grenzen zu erhalten, die den Eltern rechtlich den Weg zu sehr einengen, damit das Kindeswohl im Vordergrund bleibt.

Das Kindeswohl beinhaltet, wie eingangs bereits erwähnt, den Anspruch des Kindes auf körperliche Integrität, eine intellektuell bestmögliche Förderung, emotionale Geborgenheit sowie im sozialen Bereich das Hinführen zur Befähigung, sinn- und planvoll voraus denken zu können und eine gesicherte moralische Urteilsfähigkeit zu erlernen.

Scheidung ist immer mit einem Trennungserlebnis verbunden und verlangt dem Kind Entscheidungen ab. Diese Entscheidungen unter dem Gesichtspunkt, Vater und Mutter zu lieben, treffen zu müssen, erfordert Kompromisse. Wir machen es als Eltern den Kindern oft schwer, indem die Kompromisse den eigenen elterlichen Vorteilen bedeuten, statt die Würde des Kindes zu wahren.

Mit freundlicher Genehmigung von Max H. Friedrich aus seinem Buch: „Kinder ins Leben Begleiten. Vorbeugen statt Therapie.“ Seite. 77ff. erschienen im Verlag öbv&hpt Verlagsgesellschaft, Wien zur Verfügung gestellt.

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