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Max Friedrich: Kinderrollen

Ist die Scheidung vollzogen, werden Kinder oft in Rollen gedrängt, die ihnen auf längere Sicht emotionalen Schaden zufügen können.

Das Kind befindet sich vor allem im Kleinkindesalter in emotionaler Abhängigkeit zur pflegenden und betreuenden Person. Jede Gefährdung dieser emotionalen und sozialen Sicherheit wird als ängstigend erlebt und ist für die künftige Entwicklung schädlich. Einige Väter und Mütter setzen ihr Kind als Druckmittel ein, indem sie z.B. die Freigabe von Besuchsrechten an materielle Zuwendung koppeln nach der Devise: „Wenn du mehr Alimente zahlst, kannst du das Kind öfter sehen.“

Es kommt auch vor, dass Kinder als „Erpressungsopjekte“ benutzt werden, als Tausch- oder Handelsware nach dem Motto: „Wenn du dieses oder jenes tust, erweitere ich auch ohne rechtliche Grundlage deine Kompetenzen.“ Das Kind fühlt sich auf diese Weise sehr rasch missbraucht und erkennt das leicht durchschaubare Manöver des handelnden Elternteils.

Wiederum eine andere Rolle ist die des „Verführungsobjekte“, indem man dem Kind Dinge verspricht, wenn es sich in einer bestimmten rechtliche Situation dem Verführer bzw. der Verführerin zugeneigt zeigt. Sätze wie „Bei mir würdest du dieses oder jenes bekommen“ oder „Bei mir würdest du es besser haben“ setzen das Kind einem Entscheidungsdilemma aus, das auf die Dauer nicht bewältigt werden kann und durch das es in einen schweren innerseelischen Konflikt gerät. Anfällig als Verführungsobjekt missbraucht zu werden, sind vor allem pubertierende Kinder, die durch Trendversprechungen oder Geschenke in ihren Entscheidungen leicht käuflich „zu erwerben“ sind.

Mata Hari sitzt nicht im Kinderzimmer

Kinder fühlen sich besonders ausgebeutet, wenn sie merken, dass sie in die Rolle eines „Spions“ gedrängt werden, um die Lebensumstände, allfällige neue Beziehungen, vor allem aber die finanzielle Situation des jeweiligen Elternteils in Erfahrung zu bringen. Das Kind erkennt, dass es bisweilen sogar als Doppelspion missbraucht wird, verliert das Vertrauen in beide Elternteile und wird, wenn es nicht sehr stark ist, vor allem im vorpubertären Alter charakterlich geschädigt, indem Illoyalität sein Persönlichkeitsbild prägen.

Eine weitere Rollenzuteilung ist jene des „idealen Selbst“. Es handelt sich dabei um den elterlichen Versuch, sich als optimale Erzieher darzustellen. Dem Kind wird abverlangt zu glauben, man selbst sei der bestmögliche Erzieher, um den anderen Elternteil zu demütigen oder zu demotivieren. Dabei kommen sehr häufig Dinge zum Tragen, um den finanzkräftigeren Elternteil zum vermeintlichen Sieger zu machen, da er „sich alles leisten“ kann. Der Außenwelt wird vorgegaukelt, dieser Elternteil sei das Optimum, wohingegen das Kind vom ökonomisch schwächer gestellten nichts „Positives“ zu erwarten hätte. Dieser Hochmut kommt sehr leicht zu Fall, besonders dann, wenn durch gutachterliche Recherche solche für den Sachverständigen leicht durchschaubare Manöver sichtbar werden.

Trotzdem eine unbeschwerte Kindheit

Das Kind muss im Fall einer Scheidung häufig sämtliche Sorgen, Verzweiflungen, Trauerreaktionen und alle Formen der mühsamen Lebensbewältigung jenes Elternteils ertragen, bei dem es das „Heim erster Ordnung“ gefunden hat. Die ewig trauernde und nörgelnde Mutter oder der ständig aggressiv verstimmte Vater lösen im Kind das Gefühl aus, an diesem Zustand schuld zu sein und das Leid tilgen bzw. ertragen zu müssen. Diese Belastung kann beim Kind nach einiger Zeit ernste psychische Symptome zeigen.

Der Partnerersatz

Ebenso gefährlich ist die Rolle als vermeintlicher „Liebhaber“ bzw. vermeintliche „Liebhaberin“. In Verkennung der Position des Kindes wird dieses als Ersatzpartner nach einer gescheiterten Ehe verwendet. Das Kind wird mit inadäquaten, weil dem Lebensalter nicht entsprechenden zärtlichen Zuwendungen überhäuft und soll gleichsam die empfangene Zärtlichkeit in adäquater Form zurückgeben, um das entstandene Defizit an Zuneigung des jeweiligen Elternteils wettzumachen. Anfänglich reagieren vor allem kleinere Kinder durchaus positiv auf diesen Überschwang der Gefühle, da sie ja schließlich des zweiten Elternteils verlustig gegangen sind. Nach einer gewissen Zeit erkennt das Kind allerdings die Ausbeutung; es merkt auch, dass die vermeintliche Zuneigung nur eine indirekte ist und reagiert mit Trotz und unerfüllbaren Forderungen.

Wenn das Kind stört

Die wohl „böseste Rolle“, in die Kinder gedrängt werden, ist meiner Ansicht nach jene des Fußangels bzw. des Sargnagels. Zur Fußangel wird das betroffene Kind dann, wenn es die Lebensvollzüge des obsorgeberechtigten Elternteils in irgendeiner Form stört. Die Störung liegt in der Freiheitsbeschränkung, die dadurch gegeben ist, dass ein Elternteil gebunden ist und mit einem gewissen Neid auf den andern Elternteil blickt, der sich jede Freiheit nehmen kann. Dass dies für die Entwicklung des Kindes nicht optimal ist, ist selbstredend. Auch die Reaktion des Kindes auf jenen Elternteil, den es vermeintlich mit der Verantwortung für die Scheidung in Zusammenhang bringt, führt dazu, dass das Kind die Rolle des „Sargnagels“ übernimmt, die durch Verhaltensauffälligkeiten gekennzeichnet ist. Das Kind wird als „erziehungsschwierig“ gesehen, indem es unbewusst dem erziehenden Elternteil gleichsam aufzeigt: „Du bist nicht im Stande, mich zu erziehen.“

Folgende Fragen sollten Eltern Anlass zum Nachdenken geben:

Wie sieht das Wohl unseres Kindes unter unserer getrennten Erziehung aus?

Kümmern wir uns hinreichend um seine körperlichen Belange?

Können wir uns auf den geschiedenen Partner verlassen, was Impfungen, die Erziehung zur Gesundheitsvorsorge und das Ernstnehmen von Beschwerden betrifft?

Ist die Ausrichtung des intellektuellen Wohls gleichrangig?

Ziehen wir an einem Strang, um unser Kind seinen Ressourcen entsprechend im kreativen und künstlerischen Bereich bestmöglich zu fördern oder wird gegenseitig hochgerechnet, gemessen an Schulnoten und so genannten Lernerfolgen?

Leidet das Kind unter unserer emotionalen Konfliktsituation und tun wir wirklich alles, um dem Kind ein emotionales Dilemma zu ersparen, das dadurch entstehen könnte, dass wir es aus den erdenklichsten Gründen nicht geschafft haben, unser ursprüngliches Vorhaben, in einer gemeinsamen Familie zu leben, zu verwirklichen? Sind wir unserem Kind trotzdem emotional gute Eltern?

Mit freundlicher Genehmigung von Max H. Friedrich aus seinem Buch: „Kinder ins Leben Begleiten. Vorbeugen statt Therapie.“ Seite. 82ff. erschienen im Verlag öbv&hpt Verlagsgesellschaft, Wien zur Verfügung gestellt.

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