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Ein neuer Anfang

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Was geht in Kindern vor, die plötzlich mit der Scheidung der Eltern konfrontiert werden? Wenn sie keinen Babys sind, haben sie oft ungewöhnliche Lösungen. Lesen Sie selbst.

Das Ende

Eines Tages sagte Mama, dass sie sich hatten scheiden lassen und dass Papa jetzt woanders wohnen würde. Die Kinder waren völlig überrascht und durcheinander.
Katrin erinnerte sich daran, wie ihr jemand mal den Teppich unter den Füßen weggezogen hatte und sie furchtbar hingefallen war. Sie hatte sich den Kopf so angeschlagen, dass sie eine Gehirnerschütterung bekam. An dieses Gefühl von Schwindel und Übelkeit wurde sie jetzt erinnert. Sie rannte aufs Klo und musste erbrechen. Peter, der Älteste, saß ganz still da. Aber Bärbel und Heiner fragten immer wieder:
„Warum, warum denn nur? Warum habt ihr uns denn vorher nichts gesagt? Warum dürfen wir nichts dazu sagen? Warum kann Papa den nicht auch hier arbeiten? Warum sollen wir alle bei Mama bleiben?“

Mama bemühte sich so gut sie konnte, alle Fragen zu beantworten. Sie war ein bisschen böse auf Papa, da er sich davor gedrückt hatte.
„Wir wollten nicht, dass ihr unsere Streitereien mitbekommt. Wir wollten nicht, dass ihr euch um etwas Sorgen macht, was ihr nicht beeinflussen könnt. Alle unsere Entscheidungen sind nicht eure Sache. Das müssen wir Erwachsenen unter sich ausmachen. Und das haben wir getan. Wir denken, dass es für euch das Beste ich, wenn ihr mit mir in unserem Haus bleibt, in euren Zimmern und bei euren Sachen und Tieren. Außerdem arbeite ich von zuhause und bin immer da. Papa muss in der Stadt wohnen, wenn er arbeiten will und das will er. Außerdem muss er viel reisen. Aber die Ferien verbringt er mit euch.

Katrin war wieder zurückgekommen und sah ganz grün im Gesicht aus. Die Kleinen fingen an zu heulen, und Peter sagte immer noch nichts.
„Jetzt weiß ich wirklich nicht mehr weiter“, sagte Mama schließlich ganz entnervt. „Wie man es macht, macht man es verkehrt.“ „Das hättet ihr euch früher überlegen sollen!“ Katrin war ganz böse. Aber dann tat es ihr schon wieder leid. „Das hilft jetzt auch nicht“, murmelte sie entschuldigend.

Die Idee

„Das Problem ist“, fing Peter jetzt an. Und er klang schon sehr erwachsen für seine dreizehn Jahre. „Das Problem ist, dass ihr mit unserem Familienleben Schluss gemacht habt. Das neue Leben, das ihr euch ausgedacht habt, das kennen wir nicht. Wir können uns darunter nichts vorstellen und – also ich hab Angst, dass ihr euch plötzlich noch mal was anderes überlegt, und wir müssen dass dann machen.“
„Genau“, rief Bärbel „ Und womöglich müssen wir dann in ein Kinderheim.“ „Aber nein“, sagt Mama. „Wie kommt ihr denn darauf?“

Peter gab sich damit nicht zufrieden. „Als ihr geheiratet habt, da habt ihr euch doch auch ein Versprechen gegeben. Das hat ja auch ganz schön lange gehalten. Aber wenn es damit nun vorbei ist, dann müsst ihr euch und uns eben nochmals ein Versprechen geben.“
Mama war verwirrt, „Wie das denn?“.
„Na, es muss eine Scheidungsfeier geben. Da müsst ihr die alte Zeit begraben. Und ihr müsst versprechen, wie ihr unsere neue Zeit einrichten wollt.“
Mama kam es merkwürdig vor. Aber die Kinder hatten irgendwie Feuer gefangen. Sie redeten alle durcheinander, was sie anziehen wollten, welchen Kuchen Katrin backen und wo das ganze stattfinden sollte. Ob und wen sie dazu noch einladen wollten und dass es geschickt sei, dass es gerade Sommer war und es so viele Blumen im Garten gab. Sollte Mama ihr altes Brautkleid anziehen oder doch etwas anderes?
„Halt, halt!“, rief Mama. „Das geht doch alles ein bisschen zu weit. Außerdem wissen wir gar nicht, ob Papa das will. Und überhaupt wie soll denn die Feier eigentlich aussehen?“
„Das lass Peter mal machen“, sagte Heiner und war ganz aufgedreht. „Und wenn Papa gar nicht will, dann muss Bärbel ganz arg heulen. Dann sagt Papa nämlich zum Schluss doch immer ja.“


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Warum eigentlich nicht?

Natürlich sagte Papa zuerst nein und wollte von so einem Unsinn nichts wissen. Aber die Kinder sagten, sie hätten ein Recht darauf. Schließlich gab Papa nach. Peter und Katrin fanden, dass Oma und Opa dabei sein sollten. Aber sonst niemand. An einem bestimmten Tag schmückten die Kinder das ganze Haus und bauten eine Laube im Garten.
Peter hatte die Zeremonie vorbereitet. Alle saßen in der Laube und Peter sagte:“ Wir haben uns versammelt, weil Loni und Paul beschlossen haben, ihr altes Leben zu begraben.“

Dann mussten Papa und Mama sich einen Knopf abreißen und in einem Beet vergraben.
„Nun beginnen sie ein neues Leben, und wir wünschen ihnen alles Gute“, fuhr Peter fort. Und Papa und Mama mussten jetzt jeder eine Primel in das Beet pflanzen.
„Darum ist es nötig, dass sie ihren Kindern Peter, Katrin, Heiner und Bärbel ein neues Versprechen geben. Seid ihr dazu bereit?“
Papa und Mama nickten. Dann musste Papa aufstehen und seine Hand auf den Flussspat legen, der sonst immer auf den Wohnzimmertisch lag.
„Ich, Paul Walters, verspreche…“, sagte Peter und Papa sprach ihm nach: „Ich Paul Walters verspreche…“
„…das ich meinen Kindern immer ein guter Vater sein werde, sie versorgen, beschützen, lieben und achten werde, auf das sie lange leben auf Erden. Bis das der Tod uns scheidet.“ Papa hatte Mühe, die Worte nachzusprechen, so bewegt war er. Dann tat Mama das gleiche:
„Ich Loni Walters, verspreche, dass ich meinen Kindern immer eine gute Mutter sein werde…sie lieben und achten….werde, auf das sie glücklich leben auf Erden. Bis das der Tod uns scheidet.“

Darauf bekamen Papa und Mama Blumensträuße und Küsse von allen Kindern und auch von Oma und Opa, der Papas Papa war und Oma, die Mamas Mama war. Bärbel sang ihr neuestes Kindergartenlied. Da mussten alle lachen, denn es war:“…. und die Katze tanzt allein.“

Papa hatte ein schönes Essen gekocht. Als alle am Tisch saßen klopfte Opa ans Glas. Das hieß, dass er jetzt eine Rede halten wollte. Er sagte, dass er stolz auf seine Kinder sei und ganz besonders auf seine Enkel. Er glaube nicht, dass es auf der Welt noch einmal so gute Enkel gäbe. Er und Oma wollten alles tun, um zu helfen, damit die guten Versprechen auch in Erfüllung gingen.

Ein neuer Anfang

Obwohl es auch traurig war fühlten sich alle gut und keiner kein bisschen hilflos. Heiner sagte: „In mir fühlt es sich an, wie…. wie Zitronencremespeise“, denn dass hatte es zu Nachspeise gegeben.
Alle lachten. Mama hatte leider etwas von der Zitronencreme auf ihr Kleid gekleckert. Aber Oma sagte, sie hätte ein fabelhaftes Fleckenmittel. Und so war der Alltag wieder eingekehrt.

Wenn in den nächsten Wochen dieser Alltag zu verzwickt zu werden drohte, dann lachten alle und erinnerten sich an die Zeremonie in der Blumenlaube, die ihrem Leben eine neue Richtung gegeben hatte.

Die Sozialpädagogin Isabel Samer dazu:
Ich habe diese Geschichte aus meinem Fundus hervorgezaubert und ich glaube, dass sie uns hilft die Vorgänge in den Kindern zu verstehen. Sie zeigt uns deutlich welche Ängste hervorbrechen können und auch, dass sie selbst dafür Sorge tragen können, dass es ihnen wieder gut geht. Natürlich aber nur mit Unterstützung, beider Elternteile. Es muss nicht immer ein Scheidungsfest sein um den Kindern den Abschied vom „Alten“ zu erleichtern. Es hilft auch, eine gemeinsame Meinung, eine gemeinsame Struktur und ein gemeinsames Gespräch zu haben. Vor allem jüngeren Kindern hilft es, wenn die Erwachsenen sich über die Zukunft einig sind und diese nicht mehr ausdiskutiert werden muss. Sie können innerhalb der Strukturen ihre neuen Möglichkeiten ausprobieren.

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